X-BOULDER von LOWA

Die Firma LOWA kennt nahezu jeder. Das bayrische Traditionsunternehmen, das mittlerweile europaweit für exzellenten Gehkomfort im Outdoorbereich bekannt ist, hat Anfang diesen Jahres seine Produktplatte um das firmeninterne Spitzenmodell „X-Boulder“ erweitert. Bereits 2012 brachte das Unternehmen mit Sitz in Jetzendorf die beiden Modelle Red Eagle und Falco, jeweils als Lace und Velcro, und das Kindermodell Pirol auf den Markt, der zaghafte Start in ein heiß umkämpftes Segment – bei dem bisher die Italiener die Nase vorne haben.

Ein Jahr später präsentierte LOWA das Modell X-Boulder auf der OutDoor 2013, das seit Anfang 2014 erhältlich ist. Hierbei handelt es sich um einen Velcro-Schuh, dessen gekreuzte Klettverschlüsse unserem Anschein nach Namensgeber waren. Nach Aussage von Produktmanager Sepp Krimmer sind jedoch „Die Kreuzvelcros [… ] kein Werbemerkmal, sondern haben die Aufgabe, den Fersensitz nach vorne und den Innenrist nach hinten zu fixieren und nicht wie wirklich bei allen anderen Schuhen ihn seitlich fest zu zurren“. Die Farbkombination Racing-Schwarz und angriffslustiges Rot mit silberfarbenem Druck sowie der ordentliche Downturn lassen bereits beim ersten Blick darauf schließen, dass es sich um einen Schuh für Topkletterer handelt. Insgesamt wirkt die Optik ziemlich sportlich: gelochte Microfaseraußenschicht, lange Anziehhilfen an der Ferse und am Schaft, eine Zehenkappe zum Bouldern. Letzteres ist unserer Meinung nach ein absolutes Muss für einen Boulderschuh, zumindest, wenn er im Bereich der Topmodelle mitmischen will. Bezüglich der Verarbeitung fielen etliche Kleberreste speziell an den Aussparungen mit Microfaserobermaterial der Ferse auf. Es ist nicht so, dass dies etablierten Firmen wie La Sportiva oder Boreal nicht passieren würde – allerdings vermitteln mit Klebstoff verstopfte Löcher, die eigentlich die besonders angepriesene Atmungsaktivität unterstützen sollen, diese Eigenschaft nicht gerade glaubwürdig. Inwieweit sich dieser Schönheitsmakel jedoch auf die Funktion auswirkt, haben wir in der Praxis getestet.

Als Boulderer mit ägyptischer Zehenform und normal breitem Fuß wurde uns seitens LOWA 0,5 – 1 kleiner als Straßenschuhgröße empfohlen. Bezogen auf die Fußlänge passte -1 perfekt. Weniger optimal gestaltete sich die relativ breite Ferse, die seitlich ziemlich voluminös ist. Griffiges Hooken – auch wegen den seitlichen Aussparungen – Fehlanzeige. Seitens LOWA wurde uns jedoch bei etlichen Topatlethen eine gute Fersenpassform rückgemeldet. Die Fußanatomie ist verschieden: „Normal breit ist eben nicht gleich normal breit“. Allgemein ist die Passform ansonsten wirklich gut. Die beiden Klettverschlüsse, die gekreuzt werden, sorgen für optimalen Halt und sind nicht zu lang. Klett und Futtermaterial sind einwandfrei und langlebig verarbeitet – so zumindest unser Eindruck nach der 12-wöchigen Testphase. Dass der Schuh eine Zehenkappe besitzt, sollte für eine „echte Boulderwaffe“ selbstverständlich sein. Hinzu kommt aber bei diesem Modell, dass es sich nicht um einen fremdkörperartigen Gummiaufsatz handelt, sondern um eine bestens eingearbeitete Zunge aus dünner XS-Grip Gummimischung. Diese ist wunderbar sensibel und gibt bei Toe-Hooks sofort Rückmeldung. Für die Sohle wählte LOWA ebenfalls die XS-Grip Gummimischung, die sich bereits längere Zeit auf dem Markt bewährt hat. Die Sohlenkonstruktion vom X-Boulder jedoch ist unseres Erachtens etwas steif, was in Kombination mit der recht breiten Spitze vor allem Probleme mit kleinen Tritten und Leisten im oberen Schwierigkeitsgrad bedeutete. Um diese sauber treten zu können, ist doch relativ viel Zehenkraft nötig, auch wenn eine speziell aus diesem Grund geformte Sohlenwölbung im vorderen Zehenbereich dabei unterstützt. In den unteren Schwierigkeitsgraden schlägt sich der Schuh gut, da dort eben auch weniger mit Hooken gearbeitet wird und die Tritte eine moderate Größe haben. Bezüglich des antibakteriell behandelten Innenfutters und der „Air-System-Lochung“, das den typischen Käsemauken-Gestank verhindern soll, konnten wir keinen Unterschied zu anderen Modellen ausmachen. Da Kletterschuhe den Fuß nun mal nahezu luftdicht umschließen, ist der entstehende Schweiß optimaler Nährboden für geruchsbildende Bakterien. Positiv zu erwähnen sind an dieser Stelle jedoch die geringen Abrieberscheinungen. Nach rund zehn Wochen intensiver Hallennutzung verzeichnen wir kaum Verschleiß. Der Schuh wirkt generell sehr robust, auch die Anziehschlaufen an der Ferse sind ordentlich fixiert.

Trotz der unseres Erachtens relativ harten Sohlenkonstruktion und der etwas ungewöhnlichen Ferse wird der X-Boulder vom deutschen Bouldermeister Stefan Danker, der aktuellen deutschen B-Jugend Meisterin Emilie Gerhardt, dem zweiten der männlichen A-Jugend Luis Gerhardt und Yannick Flohe, Drittplatzierter in der männlichen B-Jugend sehr erfolgreich geklettert. Die seitlichen Aussparungen, mit denen unsere Testerin nicht zurecht kam, sollen laut Krimmer für eine bessere Anpassung der Schuhferse an die Fersenform des Boulderers sorgen. Eine Konstruktion in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Volker Schöffl, Mannschaftsarzt der dt. Kletter-Nationalmannschaft, die Fußproblemen aufgrund zu enger Kletterschuhe vorbeugen soll. Das Gegenteil dazu wäre eine komplette „Gummi-Ferse“, in die der Boulderer seine Ferse hineinzwängen muss. Mit welcher Fersen-Konstruktion das Hooken besser funktioniert, hängt neben der Fußanatomie vom persönlichen Empfinden ab. Daher: ausprobieren. Da der X-Boulder im Test einen ziemlich bequemen Eindruck hinterließ, könnten wir uns durchaus auch einen Einsatz beim Klettern von Mehrseillängen vorstellen. Hierbei stören dann auch die Aussparungen nicht.

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